Federkleid – Roman von Banana YoshimotoSelbstfindung zwischen Traum und Wirklichkeit
Mit "Kitchen" gelang der Japanerin Banana Yoshimoto dank ihrer erzählerischen Strahlkraft der internationale Durchbruch. "Federkleid" steht dem Bestseller in nichts nach.
In Japan ist Banana Yoshimoto der weibliche Star am Literaturhimmel. Kritiker vergleichen sie überschwänglich mit ihren großen Kollegen Kenzaburo Oe und Haruki Murakami. In Deutschland aber war sie lange unbekannt, was sich erst durch ihren Roman „Kitchen“ änderte, in dem die Autorin den Lebenshunger und die Ängste ihrer Generation beschreibt. Gefühle, die auch junge Menschen in Deutschland nur zu gut nachvollziehen können. Das gilt aber nicht nur für „Kitchen“, denn Banana Yoshimotos Romane beschäftigen sich generell mit lebensnahen Gefühlen – seien es nun Eifersucht, sexuelles Begehren oder, wie in „Federkleid“, der Verlust von geliebten Menschen. Die Verluste in „Federkleid“Wenn einem im Leben etwas Wichtiges genommen wird, dann müssen die meisten Menschen erst einmal ein wenig auf Abstand gehen, um sich mit dieser neuen Situation zu arrangieren. Doch wie soll man sich von etwas emotional distanzieren können, wenn um einen herum lauter Erinnerungen stehen? Genau so ergeht es Hotaru, als sie nach acht Jahren von ihrem Geliebten verlassen wird. Zwar schenkt er ihr eine Wohnung in Tokio, doch die war zuvor das gemeinsame Liebesnest. Hier ist die junge Japanerin ihrem Alltag einfach nicht mehr gewachsen. Also flüchtet sie sich in ihr Heimatdorf und kommt bei ihrer Großmutter unter. So einsam und verlassen, wie Hotaru sich fühlt, ahnt man schnell, dass sie bereits mehrere Verluste in ihrem Leben hinnehmen musste: den frühen Tod ihrer Mutter, das ständige Fernbleiben ihres Vaters, der sich während seiner Suche nach spiritueller Erfüllung kaum um seine Tochter kümmerte. Noch mehr einsame MenschenDoch Hotaru ist nicht die einzige Verlassene in diesem Roman. Da gibt es noch Mitsuru, der einen illegalen Nudelimbiss betreibt, obwohl er eigentlich Skilehrer ist. Seit dem Unfalltod seines Vaters muss er sich aber um seine Mutter kümmern, die ihr Bett nicht mehr verlassen möchte. Und auch Rumi, deren Mutter vor Jahren beinahe Hotarus Vater geheiratet hätte, streifte als Kind einsam über Friedhöfe und musste sich mit sich selbst beschäftigen. Rumi, stark spirituell veranlagt, hat inzwischen ihren Platz im Leben gefunden und hilft nun Hotaru und Mitsuru, den ihren zu finden. Und an genau diesem Punkt der Hilfe zur Selbstfindung verschwimmen die Grenzen zwischen Traum und Realität in „Federkleid“. Die spirituelle Ebene in „Federkleid“Statt das Leben einfach anzupacken und sich klar zu machen, was man eigentlich will, erinnern sich Hotaru und Misturu unabhängig voneinander an einen Traum, den sie beide einst als Kinder hatten und der beweist, dass sie sich schon viel länger kennen, als sie denken. Zugleich betritt Hotaru aber auch die esoterische Welt von Rumi, die vor Übersinnlichkeiten, Geistern und Fabelwesen nur so wimmelt – ein Fantasiekonstrukt, das so gar nicht zu der sonst bodenständigen Frau zu passen scheint. In der Wirklichkeit können sich aber auch Dinge bewähren, die nicht real sind. Das zumindest ist die literarische These von Banana Yoshimoto. Immerhin kann man Emotionen ja nicht konkret anfassen, sondern nur erfahren. Solange sich etwas wahrhaftig anfühlt, muss es nicht unbedingt wahrhaftig sein. Und so werden auf dieser spirituellen Ebene zwei Leben wieder in die richtige Bahn gelenkt. Das literarische Können von Banana YoshimotoWas aber macht diese Übersinnlichkeit mit dem Leser? Sie bezaubert. „Federkleid“ ist wie ein modernes Märchen aufgebaut, ist zugleich aber auch Schicksalsroman und Poesie pur. Banana Yoshimoto weiß mit minimalistischer Sprache wunderschöne Bilder zu skizzieren, die von Zeile zu Zeile lebendiger werden. Wenn „Kitchen“ sie in Deutschland nicht schon längst bekannt gemacht hätte, wäre sie es durch „Federkleid“ ganz bestimmt geworden. Banana Yoshimoto: Federkleid. Diogenes 2009. Taschenbuch, 154 Seiten. Euro 7,90.
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